Ohne Wurzeln...
... oder, der Ursprung unseres Opfer-Denkens
Über die letzten Wochen und Monate hinweg stellte ich immer wieder fest, wie stark unser heutiger Mensch in einer Art "Opferdenken" gefangen ist. Dass dies an sich schon länger der Fall ist, lässt ein Satz wie "L'enfer, c'est les autres" (Die Hölle sind die anderen) von Sartre vermuten. Und auch wenn einige Leute vehement von sich weisen, Opfer zu sein, so ist doch oft ein resigniertes Schulterzucken ein Anzeichen dafür, dass kaum einer sich noch seiner eigenen Macht oder gar der Macht einer Gemeinschaft bewusst ist. "Einer allein kann doch nichts tun" sagen Millionen von Menschen, und so geht der gesellschaftliche Alltag seinen Gang, auf den Abgrund zu.
Die Frage, die sich mir also stellte lag darin, inwiefern also "einer allein" doch etwas tun kann, den ersten Schritt wagen kann, mal für sich etwas tut, sich selbst bewusst wird... selbstbewusst wird. Und aus dieser Frage entstand der Gedanke, erklären zu wollen, WARUM wir eigentlich kaum noch Selbstverantwortung übernehmen, bzw uns nicht mehr bewusst sind, dass Selbstverantwortung auch Macht bedeutet, Macht die uns innewohnt, die uns genaugenommen niemand nehmen kann, sondern die wir - oftmals aus Gewohnheit und unbewusst - einfach abgeben.
Einen Ansatz zur Antwort fand ich in einem Buch über Chakren und Archetypen. Ich verbinde gerne Körper, Geist und Seele, bzw Psyche, und ich arbeite gerne mit Bildnissen. Da für mich die Arbeit mit dem Inneren Team, der Inneren Familie einer der besten Ansätze per se ist, um sich selbst kennen und erkennen zu lernen, sich selbst zu erfahren, hat das Buch gleich mein Interesse geweckt. Ich möchte dazu nur kurz das Thema der Chakren anreissen, um dann wieder zum Grund meines Textes zurückzukehren.
Chakren sind Energiezentren in unserem Körper, mit denen wir unsere inneren Energien sozusagen haushalten können. Obwohl es viele Energienzentren über den gesamten Körper gibt, werden die 7 Chakren, die entlang unserer Wirbelsäule hinauflaufen als die Hauptzentren betrachtet. Dabei möchte ich auch kurz darauf hindeuten, dass uns diese Erklärungen zwar aus dem Fernöstlichen am meisten bekannt sind, die Menschen aus unseren Gegenden aber durchaus davon wussten. Ein Blick auf die inneren und äusseren Welten der germanisch/nordischen Glaubensrichtung und des Sinnbildes des Bifröst lässt somit Schlüsse ziehen, dass es auch hier Kenntnisse zu diesen Zentren und ihrer Nutzung gab, bzw. gibt.
Da die Chakren oft in Verbindung mit dem Körper (wo sie im Körper zu finden sind) sowie mit daran vernetzten Organen (zB Herzchakra) betrachtet werden, findet man nur selten Informationen darüber, wie man diese Energie auch in Hinblick mit unserer Psyche betrachten kann. Dieses Gesamtbild lässt nicht nur einen Blick auf die Psyche an sich, sondern auch auf den Aspekt der Archetypen zu, die von C.G. Jung als wichtiger Anhaltspunkt beschrieben werden, wie der Mensch an sich in Verbindung mit seiner inneren wie äusseren Familie funktioniert oder eben nicht. Wie sehr dabei die inneren Archetypen aus äusseren Familienaspekten erwachsen oder gar in Ahnenreihen verwurzeln, ist nun der Knackpunkt, der das heutige Problem unserer Gesellschaft erklären kann.
Ich möchte hier kurz erläutern, dass dieser Text nicht die gesamten Chakren erklären wird sondern auf die Thematik des Titels eingeht. Und diese beginnt mit dem ersten der Chakren: Dem Wurzelchakra und seinem Archetypen.
Das Wurzelchakra erklärt sich darin, wie es der Name schon andeutet, dass es mit unseren Wurzeln in Verbindung steht. Auch wenn es sich in unserem Coccyx (Steissbein) befindet, steht es dennoch mit unseren unteren Extremitäten und somit Beinen wie Füssen in Verbindung. Sinnbildlich erinnert es uns an unseren Kontakt zur Erde, mit beiden Füssen fest auf dem Boden zu stehen, somit standfest, standhaft und gut geerdet zu sein.
Dieses Chakra ist unser direkter Kontakt mit dem irdisch-materiellen Leben, ermöglicht uns das Erleben unserer Sinne, Gefühle und die daran verbundenen Emotionen. Ebenso erinnert es uns daran, für uns selbst zu sorgen, gar für unser Überleben in dieser Welt zu sorgen. Ein gut funktionierendes Wurzelchakra unterstützt somit auch den Umgang mit dem Materiellen und sogar mit Geld.
Ich könnte nun auch somit das Thema aufgreifen, was der heutige Unmut gegen Materialismus und Kapitalismus auf der einen Seite und das Horten und Nicht-genug-Bekommen auf der anderen Seite betrifft, da dies sehr wohl auf den ungesunden Umgang mit unserer Welt sowie der Unausgeglichenheit des Wurzelchakras hindeutet, doch möchte ich an erster Stelle den Grund dieses "Symptoms" erklären. Und hier hilft ein Blick auf die archetypale Verbindung und der Geschichte unserer Gesellschaft, die sich daran anreiht.
Natürlich hat jedes Chakra Verbindung zu vielerlei Archetypen, doch sowie es bei den Energiezentren eben Hauptzentren gibt, gibt es bei den Archetypen Hauptmerkmale, die sich hervorheben.
Beim Wurzelchakra ist dies an erster Stelle der Archetyp der Mutter. Es handelt sich dabei ebenso sehr um die Beziehung zur eigenen Mutter, die einen zur Welt gebracht hat und im Idealfall genährt und sich um einen gesorgt hat, wie zur inneren mütterlichen, sorgenden oder aber kreativen Seite auf materiellem Gebiet. Die Mutter ist sozusagen keine "Kopfsache", ist im gesunden Fall bodenständig und erschaffend, um Körper, Geist und Seele eine grundlegende Sicherheit zu gewähren. Sie weiss, Verantwortung zu übernehmen und erkennt die Macht dieses Aspektes, nicht im Sinne davon, Macht über andere zu erlangen, sondern in Verbindung mit dem Wort "machen", aktiv (in der uns realen, materiellen, Welt) zu werden.
Dieser Archetyp ist, wie alles, jedoch auch mit dem gesamten Werdegang der Natur und der menschlichen Geschichte verbunden, was sich in unserem kollektiven Unterbewusstsein abzeichnet und durchaus seine Konsequenzen in unserer heutigen Gesellschaft zeigt. Was sich also heute beim Menschen zeigt, ist die logische Schlussfolgerung seiner Geschichte, und alleine die Erklärung des Wurzelchakras zeigt eindeutig an, welche Sackgasse der Mensch betreten hat.
Ist das Wurzelchakra sozusagen nicht in "Ordnung", nicht "funktionsfähig", zeigt sich dies in der Identitfikation mit der negativen Version des mütterlichen Archetypen: Dem Opfer.
Um es erst einmal im famliären Aspekt zu erklären, ist die Mutter jene, die sich für andere auf-opfert, während sie sich um diese sorgt, die sich vergisst, bei der die anderen zuerst kommen, und sie selbst erst ganz zum Schluss... wenn überhaupt. Diese Selbstlosigkeit wird von verschiedenen religiösen und pseudo-spirituellen Richtungen nicht nur unterstützt, sondern als das Non-Plus-Ultra-Ziel angepriesen. Wer es wagt, sich erst um sich selbst zu kümmern, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, um überhaupt auf der Höhe zu sein, andere zu unterstützen und nähren zu können, wird als Egozentriker der schlimmsten Art angeprangert. Doch dies ist nur die Spitze des Eisberges, dessen Wurzeln... um das Thema im Auge zu behalten... wesentlich tiefer zu finden sind, wenn man dann den Mut hat, diese auch ergründen zu wollen.
Der Archetyp des Opfers also ist, entgegen dem nährenden Mutter-Archetypen, sich seiner Verantwortung nicht einmal bewusst. Er glaubt, ohnmächtig den äusseren Gegebenheiten entgegenzustehen, handlungsunfähig zu sein und keine oder nur eine eingeschränkte - vorgegebene - Wahl zu haben. Er ist innerlich vollkommen davon überzeugt, nur in den von anderen Menschen aufgezeigten Schranken handeln zu können, immer der Gewalt oder Gnade anderer ausgesetzt zu sein. Er wird somit immer anderen die Schuld geben, und wenn keine anderen da sind, mag es an Gott, dem Schicksal oder sonstigen, ideellen, Wesenheiten liegen. Dabei möchte ich beachten, dass diese Menschen dies keineswegs bewusst und aus Bequemlichkeit machen, sondern weil dies die Wirklichkeit ist, in welcher sie leben, die für sie absolut real ist.
Auch wenn ein Teil der heutigen Opfer-Denkenden sich damit erklären lässt, dass nicht jeder seine frühen Tage in einer heilen Welt erlebt hat, ist das Argument, dass schliesslich nicht jeder eine furchtbare Kindheit hatte und mit einer herzlosen Mutter oder gar unfähigen Eltern aufgewachsen ist, durchaus tragbar. Ich kann diesen Kritikpunkt absolut akzeptieren, doch wie also erklärt sich dieses ohnmächtige Denken, das sich über Jahrhunderte hinweg in unserem Wesen festgesetzt hat?
Das Buch gibt einen weiteren Hinweis, der es für mich persönlich auf den Punkt bringt, auch wenn der Autor in meinen Augen einen wichtigen Aspekt vergessen hat. Dieser spricht die Entwurzelung vieler Menschengruppen an, die aus ihrer Kultur herausgerissen worden sind. So wurden ganze Gruppen aus afrikanischen Stämmen versklavt und verschleppt. Nicht nur wurden ihnen ihre kulturellen Wurzeln gekappt weil sie geographisch von ihren Familien getrennt wurden, sondern wurden ihnen ihre Riten verboten, so dass jeglicher Kontakt zu dem, was sie ausmachte, verkümmerte. Auch Flüchtlinge mussten sich wohl oder übel von diesen Wurzeln trennen und neue Wurzeln konnten über Generationen hinweg noch nicht neu erwachsen. Wir reden hier immerhin von Wurzeln die Tausende von Jahren alt sind, von unseren Ahnen über das Wissen bis hin zur Genetik übertragen wurden, und die von einem Augenblick zum anderen für null und nichtig hingestellt wurden, von anderen Instanzen, die sich uns überordneten.
Diese Wurzeln jedoch sind im kollektiven Unbewussten immer noch da, nur ungeachtet und in den Schatten gedrängt, heutzutage oft als "primitiv" und "unzivilisiert" abgetan. Dass diese Reihe von:
- nährende Erde
- nährendes Volk, nährende Kultur
- nährende Mutter
- nährendes Selbst
- Selbstwert
nie wieder aufgegriffen wurde und zumindest verarbeitet wurde (der Autor erklärt weiterhin, dass ein solches Trauma auf die nächste Generationen übertragen wird, wenn es nicht verarbeitet wird), zeigt sich in der Unsicherheit unserer Gesellschaft sowie dessen Unfähigkeit, Selbstverantwortung zu übernehmen.
Nun mag der eine oder andere auch hier erklären, dass wir ja nicht alle verschleppt wurden, wir vielleicht schon seit Generationen mehr oder minder friedlich immer an derselben Stelle wohnten mit derselben Struktur und derselben Kultur... doch halt...
Gerade noch bekam ich zu hören, wir seien ein katholisches Land!
Gerade noch konnte ich lesen, unsere Kultur sei christlich!
Und gerade noch wollte mir jemand weis machen, dass die Traditionen in unserer Gegend eben christlich-katholisch seien.
Und nun nutze ich ein Wort, das man bei mir recht selten liest: Diese Aussagen sind grundlegend FALSCH!
Unsere Wurzeln sind keltisch oder germanisch!
Diese Wurzeln wurden uns vielleicht nicht durch direkte Verklavung und geographisches Verschleppen gekappt, doch unsere Ahnen wurden mit dem Tode bestraft, wenn sie diese Wurzeln ehrten und die kulturellen Aspekte und deren nährendes Wissen aufrecht erhielten.
Bitte versteht mich recht, es geht nicht gegen das Christentum an sich, sondern um die Art und Weise WIE es hier aufgedrängt und aufgezwungen wurde, unnatürlich, abrupt, ohne dem Menschen die Zeit zu geben, sich bewusst oder gewollt, in seiner eigenen Macht, darauf hinzuentwickeln.
Und wenn nun manch einer mir erklären will, dass all dies lange her ist, und wir uns doch bitte jetzt (wo das Christentum hier seine etablierte Machtposition hat und beibehalten will) nicht mehr streiten sollen, dem möchte ich einfach nur den Fakt hinstellen, dass unser Unterbewusstsein nicht vergisst und unsere Genetik nicht ignoriert werden kann. Die Gesellschaft an sich zeigt diese Fakten, denn die Unsicherheit und gar die Angst, diese eigene Verantwortung und Macht wieder aufzunehmen, ist unübersehbar.
Gibt es also aus dieser Sackgasse einen Rückzugsweg oder ist es eine logische Überlegung, um es mit den Worten einer guten Freundin auszudrücken, uns in dieser Sackgasse unsere Konfortzone einzurichten, mit 16 Zoll-Bildschirm und gemütlicher Couch?
Sky Walkinstik Man Alone hat es in meinen Augen mit einem Satz auf den Punkt gebracht: Bevor Ihr die Weisheiten in anderen Ländern sucht, findet Eure eigenen Wurzeln.
Diese kann man immer wieder aufgreifen, sich mit ihnen neu verbinden, sich ihrer bewusst werden, und aus dem kollektiven Unterbewusstsein Weisheit, nährende Kenntnisse, Macht und Selbstverantwortung schöpfen ... hin zu einem gesunden, selbstbewussten und kreativen Mutter-Archetyp.