Esoterisches Unwort des Jahres: Dankesschuld
Zu Ende des Jahres hat man mir mal wieder ein Wort präsentiert, bei dem ich nicht weiss, ob ich darüber schmunzeln oder den Kopf darüber schütteln soll, mit welch einer Macht mancher Mensch sich selbst in seinen "positiven" Gefühlen aufs Äusserste boykottieren will. Mir ist natürlich bewusst, wie ausschlaggebend der sekundäre Gewinn in der Sache eine Rolle spielt, doch hin und wieder habe ich dennoch Lust zu sagen: Kinder, einfach mal locker bleiben und den Augenblick geniessen.
Ausschlaggebend für dieses Wort war eine Diskussion zum Thema Dankbarkeit. Eine Dame hat in ihrem Leben gerade einen sehr glücklichen Lauf. Gehaltserhöhung, Partnerschaft, gerade läuft alles gut, und in ihrer Dankbarkeit für die Geschenke des Lebens fragte sie halt, wie sie sich beim Universum bedanken könnte. Sie wollte dazu einfach mal eine Kerze anzünden, doch wollte wissen, wie sie es am besten bewerkstelligen könnte.
Während einige sie dazu anhielten, sich erst einmal der Energie des Gefühls der Dankbarkeit bewusst zu werden, und weitere auch klärten, dass sie diese Kerze gerne 'für sich' anzünden kann, gab es natürlich andere, die direkt darauf hinwiesen, sie müsse dieses Glück natürlich weitergeben und nun anderen etwas "Gutes" tun. Und dabei kam das Wort "Dankesschuld" zutage!
Obwohl die Erfinderin dieses Wortes anfangs den Unterschied zwischen Dankbarkeit und Dankesschuld sehr wohl zu erklären versuchte, verneinte sie alle darunterliegende Beweggründe. Da sie späterhin dann doch wiederholte, dass beidem ein Gefühl unterliegt, so als gäbe es keine zu hinterfragende Beweggründe, möchte ich das "Problem" der Dankesschuld in all seinen Aspekten durchleuchten.
Wenn mir gerade Dinge im Leben geschenkt werden - sei es vom Leben selbst oder von Menschen - dann erfreue ich mich der Geschenke und empfinde dadurch Dankbarkeit. Dieses Gefühl an sich erlebe ich als eines der stärksten Gefühle/Energien, die ich mich vorstellen kann. Dies passiert im Jetzt, in dem Moment, in welchem ich es erlebe, und benötigt keinen Gedanken an sich.
Wer nun die von der Frau gestellten Frage, wie man diese Dankbarkeit umsetzt, damit in Verbindung bringt, anderen nun zu helfen, oder sogenanntes "Gutes" zu tun, setzt einen Gedankenschwall in Bewegung, der einer Schneelawine gleichkommt.
Zuerst einmal wird die Person aus dem Gefühl an sich herausgenommen und ins Denken versetzt, und gleichzeitig wird die Person aus dem Jetzt und Hier herausgenommen und in ein Zukunftsdenken versetzt.
Wo findet man nun jemand, dem man helfen kann?
Wann hat man seine "Dankesschuld" abgearbeitet?
Man projiziert sich in die Zukunft, und beginnt Pläne zu schmieden, basierend auf der individuellen Wertevorstellungen von dieser Schuld in welcher man dem "Universum" gegenüber steht.
Welches "Gute", das man jemandem (an)tun will, ist nun gut genug, um die Schuld abzuarbeiten?
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass dieses gesamte Schulddenken einer gewissen Religion entstammt!
In meinen Augen allerdings ist ein weiterer Punkt dabei komplett ausser Acht gelassen. In jenem Augenblick, indem man nun nach jemandem sucht, dem man diese Schuld abgeben kann (denn jener wird ja dann in dieselbe Richtung gedrängt), wird irgend ein Mensch als "hilfsbedürftig" abgestempelt, ob er es nun wirklich ist oder nicht. Man setzt sich diesen Filter auf, und sieht die Menschen nur noch unter denselbigen Wertekriterien.
Ich bin mir nicht sicher, inwiefern ich überhaupt darauf hinweisen muss, wie sehr man unterbewusst nun natürlich Druck aufbaut, wenn es etwas länger dauert, bis man jemanden findet, der nun auch Hilfe benötigt bzw sie annimmt.
Und damit beginnt eine Reihe von Bewertungen, die kaum noch aufzuhalten ist.
Stellt euch nun mal vor, man habe jemandem gefunden, dem man nun helfen kann, so dass man endlich mit gutem Gewissen sein eigenes Glück geniessen kann. Die Person, der man seine Hilfe vielleicht gar aufgezwungen hat, ist nun glücklich und zufrieden und geniesst die neue Situation in vollen Zügen... erlebt das Gefühl der Dankbarkeit... und sieht gerade keinen Sinn darin, nun jemandem helfen zu wollen, um die nun ihm aufgebürdete Schuld (die dieser vielleicht gar nicht wahrnimmt, weil sie nicht in seine Lebensphilosophie passt) wiederum weiterzugeben. Ein Blick durch den aufgesetzten Filter auf diese Person lässt ihn mit grosser Wahrscheinlichkeit als "undankbares Pack" darstellen. Und wer mir nun erzählen will, dass er nicht so denkt, den möchte ich an seine Schattenanteile erinnern und davor warnen, dass es nicht sehr gesund ist, zu glauben, auf irgendeine Weise 'besser' sein zu glauben, sei es nun, weil man geholfen hat und der andere nicht, oder ob man von sich behauptet, man urteile doch nicht! ;-)
Doch damit ist der Aspekt der erschaffenen Realität auf Basis dieses Glaubenssatzes, Schuld begleichen zu müssen, noch gar nicht zu Ende gedacht. Ein solcher Glaubenssatz erschafft nicht nur einen Gedankenstrang sondern zieht sich durch die gesamte Realität:
Was ist denn nun mit Leuten, die gerne und oft helfen, und selbst kein wirkliches Glück im Leben haben?
Was ist denn nun mit jenen, die nichts "zurückbekommen"?
Haben sie das Recht, darin ihre Rechnung "bezahlt" zu sehen, dass sie sich für gute Menschen halten und daraus ihre Zufriedenheit schöpfen? Oder wird ihnen das als Arroganz und als mangelnde Bescheidenheit angedichtet?
So entsteht aus dem Konzept der Dankesschuld, welches NICHT einfach ein Gefühl ist, sondern einen Rattenschwanz an Werten mit sich herumschleppt, das Konzept der Ungerechtigkeit auf dieser Welt... mit welcher Hilfsorganisationen gerade um diese Jahreszeit (für spätere Leser: die Diskussion entstand 'zufälligerweise' am Jahresende, vor Weihnachten) die Menschen aufrufen, ihre Dankbarkeit abzubezahlen.
Ich persönlich kann wieder nur dazu aufrufen, kurz innezuhalten und euch einzuladen:
Wenn euch jetzt etwas gutes passiert, etwas das euch Freude bereitet, und ihr fühlt diese Dankbarkeit, dann erlebt sie JETZT!
Und wenn jetzt jemand Hilfe ersucht, und es ist euch möglich, der Person zu helfen, dann helft ihr JETZT!
Doch sobald ihr glaubt, der Aspekt, dass euch etwas Gutes widerfahren ist, ist Grund anderen etwas zu tun, das ihr als "gut" anseht, habt ihr dieses JETZT verlassen.