Seelischer Inzest
Als Medium befasse ich mich seit Jahren nicht nur einfach mit dem Kontakt zu den Verstorbenen sondern allgemein mit dem Thema der "Nachwelt", des "Jenseits". Dabei konnte ich über die Zeit einiges ansammeln, was sich wie ein Rahmen um das Thema an sich legt.
Allerdings beobachte ich ebenso sehr den Umgang der Lebenden mit der Idee, in Kontakt mit Verstorbenen zu treten.
In den 80er Jahren gab es sehr viele verschiedene Berichte über Nahtoderlebnisse, die damals als erster Anhaltspunkt als Kontakt zu Verstorbenen galten. Dabei fiel mir folgendes auf: Sehr oft versuchten die Personen, die diese Erfahrung machten, in Kontakt mit einem verstorbenen Verwandten zu treten, jetzt, da sie auf 'deren Ebene' waren. Doch dieser Verwandte, der oft schmerzlichst vermisst wurde, zeigte keinerlei Interesse an einem Kontakt.
Man kann davon ausgehen, dass das Jenseits wie eine nächste Stufe funktioniert, wie man sie auch hier - mit einem Blick auf die universelle Gesetzmässigkeit der Entsprechung - eigentlich immer zu finden ist. So wie wir auch hier nur seltenst mit jemandem in Kontakt bleiben, der unser engster Freund im Sandkasten war, so ist es auch nur logisch, dass sich enge Verwandte auch weiterentwickeln, sobald sie den irdischen Körper verlassen.
Wer also nun auf das Sprichwort, Blut sei dicker als Wasser, hindeuten möchte, den will ich daran erinnern, dass Blut uns nur hier, im irdischen Bereich verbindet, und die Seele kein Blut besitzt, um ausserhalb eines irdischen Lebens als Kontakt zu unseren irdischen Verwandten gelten kann.
Allerdings wird seit geraumer Zeit nur noch die Theorie verfechtet, dass man sich nach seinem irdischen Ableben wieder mit seinen geliebten Verwandten zusammenfindet, um sich über das vergangene Leben auszutauschen und - und hier wundere ich mich dann sehr betreffend der recht eingeschränkten Sichtweise - das nächste Leben gemeinsam zu planen.
Jeder Vermerk, dass das Universum unzählige Seelen zur Verfügung hat, mit denen der Facettenreichtum aller Daseinsformen er-lebt werden kann, wird entweder ignoriert oder aber mit dem Argument, man stünde seinen irdischen Verwandten immer noch näher, für null und nichtig erklärt.
Wenn immer jemand in Kontakt mit Verstorbenen oder eben jener Ebene treten möchte, beharrt darauf, dass es sich um einen Verwandten handeln muss. Dabei fragen Medien selbst inzwischen nach Tipps und Tricks, wie man den Verwandtschaftsgrad und den Namen präziser herausarbeiten kann, die Nachricht selbst wird in den Hintergrund verdrängt.
Der Höhepunkt dabei ist, dass besonders kürzlich Verstorbene an erster Stelle auf der Liste stehen, wer denn nun kontaktiert werden soll. Die Idee, dass dieser vielleicht eine Auszeit benötigt, interessiert niemanden. Es sind nun nicht die Verstorbenen, die die Lebenden heimsuchen, nein, umgekehrt wird ein Schuh draus, und der Gedanke, damit demjenigen, der diese Ebene gerade verlassen hat, nicht zur Ruhe kommen zu lassen, streift weder den gesunden Menschenverstand noch das Gewissen der Lebenden.
Mit einem Blick auf die universelle Gesetzmässigkeit der Entsprechung ist es jedoch unlogisch, sich auf eine solch extreme Weise gegen jeden Kontakt zu neuen Wesen, und seien sie noch so unbekannt, zu wehren. Würden wir dies zu Lebzeiten tun, würde man uns mindestens die eine oder andere Phobie oder Neurose zuschreiben, wären wir doch unfähig mit fremden Menschen zu sprechen, sie kennenzulernen oder in anderer Form Kontakt aufzunehmen. Wir wären gezwungen, uns untereinander zu paaren, weil jeder Austausch mit Menschen, die uns unbekannt sind, gefürchtet, und somit negiert oder gar bekämpft würde.
Seltsamerweise ist dies jedoch das Argument jener, die zwar Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen wollen, dies aber nur selektiv in der eigenen Familie zulassen: Woher soll ich denn wissen, dass das Wesen, mit dem ich Kontakt aufnehme, nicht böse ist?
Mal ganz bodenständig: Da wir immer noch keine genauen "Regeln" haben, was den Kontakt zu Anderswelten betrifft, möchte ich die Frage umformulieren: Woher willst du wissen, dass das Wesen, das dir erzählt, dein heissgeliebter Opa zu sein, auch wirklich dein Opa ist?
Wir sind immer darauf angewiesen, Antworten zu kontrollieren, spielt es dabei wirklich eine Rolle, ob ich sie von Hinz und Kunz bekomme oder vom heissgeliebten Opa, wenn die Antwort 'passt'? Ich benutze hier das Wort "passen", weil es seltenst um "stimmen" geht. Es gibt Leute, die wollen eine Frage zu einem Thema stellen, das nur sie und Opa kannten, nur läuft man hier Gefahr, das eigene Wissen über die Antwort mit einfliessen zu lassen. Es ist also somit auch kein Beweis dafür, dass man mit ihm in Kontakt ist; es ist nicht einmal ein Beweis für einen Kontakt mit etwas anderem als dem eigenen Unterbewusstsein.
Dabei möchte ich klarstellen: Wenn das eigene Unterbewusstsein einem die Antworten auf die Fragen liefern, die man sich seit dem Ableben einer Person stellt, dann sollte man auch das dankbar annehmen können.
Dennoch, um zurück zum Thema zu kommen: Meine Mutter hat mich zum medialen Kontakt mit dem Satz erzogen, dass wir nur das 'einfangen', was wir aussenden. Solange wir den Wesen mit Respekt begegnen, werden sie uns mit Respekt begegnen. Dieser Satz hat bisher immer noch besser funktioniert als jeder Schutzkreis, der doch nur aus jener Angst heraus aufgebaut war, die eben die Gefahr anzieht, die sie so fürchtet.
Warum sollten wir nicht unseren Horizont auf seelischer und spiritueller Ebene erweitern und auch dort neue Kontakte zulassen, die uns vielleicht wichtigeres mitzuteilen haben als jene, mit denen wir eh schon Jahre verbracht haben und deren Kontakt vielleicht in gewisser Weise ihr Ablaufdatum erreicht haben?
Warum sollten wir nicht in Betracht ziehen, dass wir, der Gesetzmässigkeit der Entsprechung gemäss, quantenphysisch wie seelisch mit allem in Verbindung stehen und dass uns nur das fremd erscheint, das wir als fremd definieren, obgleich in Wirklichkeit alles Eins ist?
Warum also sollten wir nicht aus unserer Illusion einer Schutzhülle, die die Familie darstellt - obwohl sie diese Rolle nur äussert selten auch übernimmt - aussteigen, Neues zulassen, und Informationen annehmen, die uns vielleicht nicht trösten, aber eben gerade deswegen weiterbringen?