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ANOTHER LOOK

Wieviel 'wir' steckt wirklich in 'WIR'?

10. März 2015, 14:18pm

Veröffentlicht von Shade

 

In unserer Gesellschaft ist das "Ich" nicht unbedingt ein Wort, das sich einer besonderen Beliebtheit erfreut. Oftmals wird man Egoist beschimpft, wenn man sich auch mal Zeit für sich selbst nimmt, und wer auch mal gerne etwas alleine unternimmt, dem werden schnell Probleme bis hin zu Depressionen unterstellt.  Ich möchte in diesem Fall jedoch nicht auf mein schon beschriebenes Thema der unmoralischen Gene zurückkommen, sondern einen weiteren Aspekt etwas anders betrachten.

 

In der NLP (Neurolinguistische Programmierung) gibt es den Begriff der Metaprogramme. Bei nlpedia wird dies folgendermassen erklärt:

 

"Meta-Programme sind übergeordnete Programme (Kontrollinstanzen), die steuern, welche Informationen aus der unbewussten Wahrnehmung den Weg in unser Bewusstsein finden. Da sie festlegen, worauf wir achten, bestimmen sie typische Muster im Denken eines Menschen. Metaprogramme sind Teil unserer unbewussten Filter. (...)

 

Die Entdeckung der Meta-Programme geht auf die "psychologischen Typen" von C.G. Jung zurück (1923). Er ging davon aus, dass jedes Individuum eine Präferenz hat, die Dinge wahrzunehmen und zu beurteilen."

 

(Quelle: http://nlpportal.org/nlpedia/wiki/Metaprogramm)

 

Diese Metaprogramme lassen sich unter anderem durch unseren Sprachgebrauch und die Wahl unseres Vokabulars erkennen. Unter all diesen Meta-Programmen gibt es unter anderem jenes welches die Präferenz zum Ich und Wir zeigt. Es geht darum ob man seinen Blick eher auf sich selbst richtet oder ob das Dazugehörigkeitsfühl einer Gruppe gegenüber eine wichtigere Rolle spielt.

 

Mir ist über die Zeit hinweg aufgefallen, inwiefern sich die Worte "ich" und "wir" in Gesprächen zeigen, und dass diese einen wesentlichen Aspekt hervorbringen, wie Menschen miteinander umgehen.

 

Persönlich habe ich mir angewöhnt, in einem Gespräch immer klar hervorzuheben, dass das, was ich erkläre, meine eigene Meinung ist. Ich gehe von mir aus, und versuche nicht verallgemeinernd zu formulieren.

 

Die Dinge sind nicht so, wie ich sie sehe, sondern die Dinge sind wie sie sind und ich sehe sie so wie ich sie sehe. Jeder hat seine eigene Sicht zu den verschiedenen Themen und genau das ermöglicht einen gesunden Austausch.

 

Viele Leute beschreiben nun die Dinge als seien sie wirklich so, wie sie sie wahrnehmen. So ist "es" kalt draussen, auch wenn der Nachbar gerade im T-Shirt den Rasen mäht und der oder die Wahrnehmende eine Frostbeule ist und immer im Pulli rumläuft.

 

So war das Essen schlecht, auch wenn jeder andere sich genüsslich den Bauch vollgeschlagen hat und noch Nachschub holte.

 

Ich glaube nicht, dass diese Leute dies wirklich bewusst so formulieren, denn oftmals, wenn ich nachfrage, wird erklärt, dass sie es so sehen und empfinden. Nur haben sie nicht die Gewohnheit, es gleich auf diese Weise auszudrücken. Dies kann vielleicht daran liegen, dass das Wort "ich" mitsamt allen Eigenschaften, die nicht erlaubt sind, ins unterste Unbewusste verbannt worden ist, während einer Erziehung oder Prägung in der sehr klar definiert wurde, dass Egoismus etwas schlechtes sei.

 

Insofern kann ich diese Ausdrucksweise also nachvollziehen, interessanter wird es für mich, wenn Menschen mir in jedem zweiten Satz ein "WIR" auftischen.

 

Verbieten sich einige einfach nur das 'ich' und ihr Bewusstsein (Unterbewusst wie wachses Bewusstsein) sucht sich ein Vokabular, das dieses Wort umgeht, so gibt es eine "Sorte" Mensch, die zu den Verfechtern der Gemeinschaft gehören. Der Mensch ist in ihren Augen ein soziales Wesen und diese Sozialgemeinschaft muss unterstützt werden.

 

Wenn ich dies auf den neurologischen Ebenen von Dilts betrachte, kann ich erkennen, wie sich die beiden oberen Ebenen voneinander differenzieren. Es handelt sich dabei um die Ebene der Identität und der Zugehörigkeit. Interessanterweise kann man feststellen, dass die Ebene der Identität noch in der Skizze Teil der Pyramide ist, die Ebene der Zugehörigkeit aber "darüberschwebt", also nicht klar definiert wird.

 

Persönlich erkenne ich in diesen beiden Ebenen das Thema "Ich-Wir" wieder.

 

Während also derjenige, der nach dem Ich-Programm verfährt, stärker in der Identität verankert ist, sucht jener, der nach dem Wir-Programm arbeitet, die Gruppe, der er zugehört... auch wenn es diese Gruppe nicht wirklich gibt.

 

Was dabei allerdings auffällt ist, wie nun das "Ich" auf das "Wir" übertragen wird.

 

So habe ich miterleben dürfen, als ich meinen Umgang mit mehreren Sprachen erklärte, dass jemand gleich darauf ansprang und meinte, auch sie wäre mehrsprachig. Glaubte ich anfangs, dieser Information ein Zugehörigkeitsgefühl entnehmen zu können, wurde ich in dem nächsten Satz eines besseren belehrt:

 

So hiess es (O-Ton): die Sprachthematik werden WIR immer haben, weil ich auch mit 3 Sprachen unterwegs bin, also müssen WIR UNS wohl oder übel ein wenig damit arrangieren

 

Mich wundert, inwiefern eine Person darüber urteilen möchte, dass auch ich mich damit wohl oder übel arrangieren muss. Zu Thema selbst, meine Sprachpalette erkenne ich als Vorteil, weil es mir erlaubt, mir alleine über eine andere Sprache einen anderen Blick auf eine Situation oder etwas Gesagtes zu ermöglichen. Eine Klärung meinerseits zu dieser Aussage, die ich für mich unangebracht empfand, endete in einer Tirade des allzeits beliebten Du - Du - Du, oder wie es Jacques Salomé nennt, dem Autohup-Verfahren. Nun war 'ich' es plötzlich, die Gespenster sah und ich wurde klar aus dem gerade erschafften "Wir" ausgeschlossen. Dass dieses "Wir" allerdings nun aus einer einzigen Person (also aus einem "Ich") bestand, ist wohl erst einmal nur mir aufgefallen.

 

Auch Dialoge, die irgendwann als Schlussfolgerung damit enden, dass der Gesprächspartner seine Entscheidung mit den Worten "dann tun WIR so und so" einfliessen lässt, bringen bei mir die Frage auf, warum der andere glaubt, von einem WIR reden zu können, so als hätte man selbst kein Mitspracherecht.

 

Auch bei einigen Freundschaften oder anderen Gruppierungen wird, so habe nicht nur ich erfahren müssen, sehr auf dieses WIR gepocht. Doch jedesmal bleibt offen, wer denn nun die Werte in diese Gruppen mit einbringt. In keinem dieser Fälle wurde sich zusammengesetzt und darüber gesprochen, was für den einzelnen wichtig ist, um so eine gemeinsame Basis für Beziehungen jeglicher Art zu erschaffen. Und sollte jemand es wagen, sich von den vorgegebenen Gruppenwerten distanzieren zu wollen, wird plötzlich schlagartig klar, dass das "Wir" bei diesen Werten aufhört. Wer sich nun empört oder wehrt, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit jener, der sich auf seine werten Zehchen (the pun is intended) getreten fühlt... jener, um dessen Werte es geht.

 

Da also dieses "Wir" von einer Person erschaffen wird, ist das "Ich" dieser Person massgebend, und enthält demnach mehr "ich" als "wir". Wie sehr dabei an diesem Aspekt festgehalten hat, dass sich jemand über das Dazugehörigkeitsgefühl definiert, wird besonders dann ersichtlich, wenn sich jemand anders davon eben distanziert. Oftmals nehmen nun die "Wir"-Personen andere mit ins Boot, die ebensowenig dazu eingeladen wurden, diesem "Wir" anzugehören, die also ungefragt hinzugezogen werden, um so über Quantität das "Wir" verstärken.

 

"Wir" sind mehrere und deswegen hat meine Aussage mehr Gehalt als deine alleine Meinung - zeigt dann doch wieder unseren Ursprung auf, in welchem man sich stärker beziehungsweise sicherer in einer Gruppe fühlte. Auch wenn diese Gruppe in diesen Fällen nur im Kopf einer einzigen Person existiert, sich also - wie auf der Skizze - nicht klar innerhalb der neurologischen Ebenen definieren lässt, scheint sie dieser alleinigen Person das Gefühl zu geben, sich (wie in den Ebenen) ausserhalb einer gegebenen Struktur erheben zu können, ungreifbar und unbegreiflich für andere. Die eigene Sichtweise wird somit zu einer allgemeingültigen Wahrheit erhoben, weil "WIR" ja zu mehr sind und deswegen automatisch "richtiger" sind als einer allein.

 

Um es dabei mal etwas provokant zu fragen: Was läuft bei einem Menschen schief, der nicht alleine für sich sprechen kann, der nicht hinter seinem eigenen "Ich" stehen kann, und der dabei imaginäre Menschen an seine Seite schart um sich stark genug zu fühlen, seine Meinung zu äussern.

 

Dabei ist dies eine Technik, die sich spielerisch 'testen' lässt, dass sie der Mehrheit der Menschen zugrunde liegt. So gibt es in dem Buch "Meine Psychose, mein Fahrrad und ich" ein kleines Theaterspiel, das diesen Aspekt sehr deutlich hervorhebt.

 

Man sucht sich aus einem Publikum zwei Leute heraus, die spontan ein Theaterstück spielen sollen. Beide bekommen einen Zettel mit ihrer Rolle drauf: "Du bist ein Psychiater, der zu einem Patienten gerufen wird, um diesen davon zu überzeugen, sich einweisen zu lassen. Seine Wahnvorstellung ist, dass er sich für einen Psychiater hält." Auf dem zweiten Zettel steht genau dasselbe. Nun werden diese beiden Menschen einander konfrontiert und man kann davon ausgehen, dass jeder für sich überzeugt ist, der wahre Psychiater zu sein. Interessanterweise allerdings dauert es nicht lange, und die beiden Personen werden sich in irgendeiner Form andere Leute zur Seite holen, um ihre Macht 'aufzustocken', sei es, indem sie aus dem Publikum Leute auswählen, imaginäre "Kollegen" erschaffen oder Diplome erfinden, auf denen gleich mehrere Doktoren oder Professoren einer elitären Universität unterschrieben haben und somit die "Echtheit" der Rolle zertifizieren. An dieser Stelle sei dahingestellt, dass kaum einer sich darauf einlässt, aus dem Spiel auszusteigen, indem er für sich selbst die Rolle des Wahnsinnigen akzeptiert. Interessant ist doch, dass sogar bei einem Theater-SPIEL die wenigsten dazu fähig sind, für sich alleine einzustehen und sich alleine zu vertreten.

 

 Was allerdings sagt uns das nun über Menschen aus, die über das "Ich-Programm" verfahren?

 

Auch hier kann ich natürlich nur aus eigener Erfahrung sprechen, die ich allerdings mit anderen Menschen teile... ohne sie nun als "wir" in mein imaginäres Boot nehmen zu müssen.

 

Dadurch, dass es mir wichtig ist, als Individuum wahrgenommen zu werden, ist für mich klar, dass ich andere auch individuell wahrnehmen muss. Für mich ist mein 'Ich' in einem 'Wir' nur ein Anteil des "Wirs", ein Puzzleteil, wo jeder individuell seinen Beitrag leistet und so das "Wir" nicht eine "Assimiliation" ergibt, das eher einer - entschuldigen Sie bitte die grobe Wortwahl - Einheitspampe gleicht, sondern ein Gesamtbild vieler Facetten ermöglicht. Niemand ist "another brick in the wall", jeder ist individuell und sollte in meinen Augen auch so respektiert werden.

 

Dabei bitte ich darum, nicht missverstanden zu werden. Wer sich in den Wir-Werten eines einzigen (übergeordneten?) Ichs wohlfühlt, dem sei das von meiner Sicht aus gegönnt. Es kann ja hin und wieder wirklich passen. Nur bin ich persönlich der Meinung, dass es dann aus freien Stücken entschieden werden sollte, und dass das Dazugehörigkeitsgefühl als "ICH auch" verstanden wird.

 

Schlussendlich ist für mich persönlich wichtig, dass ich für mich selbst sprechen kann, authentisch, aufrichtig und aufrecht, ebenso sehr in einem "wir" als auch alleine einem oder mehreren gegenüber.

 

 

 

 

 

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