Tarot als Werkzeug in Coaching und Therapie
Tarot ist vielen ein Begriff, wenn es um Themen wie Zukunftsdeutung oder Hotlines geht. Diese Aspekte werden regelmässig mehr oder minder kritisch betrachtet und behandelt. Dass die Bildnisse der Karten allerdings noch in ganz anderen Gebieten eingesetzt werden, wird hin und wieder in den Diskussionen vergessen. Dennoch werden die Karten regelmässig für die eigene Entwicklung eingesetzt. Da diese Techniken dann jedoch oft an spirituelle oder esoterische Richtungen wie zB die Kabbalah gebunden sind, bleibt es weiterhin verständlich, dass Tarot als Werkzeug in Coachings oder Therapien nicht wirklich ernst genommen wird.
Carl Gustav Jung hat schon darauf hingewiesen, dass die Tarotkarten archetypale Aspekte in sich tragen, die es uns erlauben, die Bildnisse auch auf psychologischer Ebene zu verstehen. So gibt es heutzutage einige Bücher in welchen die Karten stärker dahingehend interpretiert werden, dass sie uns unsere inneren Konflikte aufzeigen und erklären können. Dies ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was mit den Bildern in Coachings oder Therapien möglich ist.
Was ist Tarot?
Ich möchte hier nicht weiter auf Geschichte und Vermutungen über die Herkunft des Tarot eingehen. Es gibt ausreichend Quellen zu diesem Thema, welche allerdings wenig Auskunft darüber geben, warum und inwiefern Tarot in Coachings und Therapien einsetzbar ist.
Tarot besteht aus 78 Karten, folgendermassen eingeteilt:
- - 22 grosse Arkana, welche verschiedene Stadien des Lebens und somit archetypale Aspekte zeigen
- - 16 Hofkarten, die Personen zeigen und für Persönlichkeitsanteile eingesetzt werden können
- - 40 Zahlenkarten für verschiedene Situationen im Leben, bzw. die Wahrnehmung dazu.
Bei den ersten Tarotdecks waren nur die grossen Arkana in einer Weise bebildert, dass man eine Geschichte dahinter erahnen und sich mit den Personen identifizieren konnte. Hof- und Zahlenkarten (die kleinen Arkana) hatten weniger Details, so dass deren Interpretation eher auswendig gelernt und als vorgeschriebener Text wiedergegeben wurde. Das Rider Waite Tarot war eines der ersten Decks, auf dessen Karten je ein komplettes Bild zu finden war. Heutzutage gibt es unzählige Decks, welche verschiedene Themen oder Kunstrichtungen zeigen. Dies ermöglicht es, das 'richtige' Deck für den einzelnen zu finden, 'richtig' im Sinne, dass die Bilder den Menschen ansprechen oder triggern.
Gibt es ein "richtiges" Deck?
Wie schon gerade erwähnt, gibt es im Hinblick dazu, dass die Bildnisse eines Decks uns helfen sollen uns selbst zu erkennen und unsere inneren Konflikte zu lösen, kein richtiges oder falsches Deck. Es ist in meinen Augen wichtig, dass die Bilder den einzelnen ansprechen.
Bringen die Bilder Erinnerungen hervor oder fördern sie unsere Fantasie, sind sie für mich gerade das 'richtige' Deck um damit zu arbeiten. Im Coaching ist es mir deswegen wichtig, die Klienten das Deck selbst auswählen zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Deck handelt, dessen Bilder 'realistischer' sind oder ob diese Fantasiegestalten zeigen. Gerade bei letzteren habe ich mehrmals miterleben dürfen, dass diese dem Klienten halfen, sein Problem spielerischer, entspannter oder gar humorvoller zu betrachten, was wiederum dazu führte, dass Lösungen kreativer gestaltet werden konnten.
Dennoch möchte ich vorwarnen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, welches Deck ausgewählt wird. Ein Deck, dessen Bildnisse etwas in uns bewegen, kann hervorragend zum Arbeiten sein. Dies bedeutet keinesfalls, dass nur Positives in uns getriggert wird. Manche Decks zeigen recht düstere Bilder. Hier sollte man dann doch klären - entweder für sich selbst oder mit dem Klienten - ob man schon bereit ist, mit einem solchen Deck zu arbeiten. Allerdings ist es absolut möglich, zwei oder mehrere Decks gleichzeitig einzusetzen, um somit verschiedene Sichtweisen zu demselben Thema zu zeigen.
Warum "funktioniert" Tarot?
Es ist mir wichtig zu erwähnen, dass es nicht "Tarot" an sich ist, das die Bildnisse funktionieren lässt.
Viele Therapeuten und Coaches arbeiten mit Bildern, weil diese besser auf das Unterbewusstsein zurückgreifen können. Tarot sowie diverse Orakel haben somit gleich eine Reihe von Themen in Bildnisse umgesetzt, die uns Menschen regelmässig beschäftigen. Dabei kann die Art der Bilder eine grosse Rolle spielen, weil sie immer wieder eine neue Weise aufzeigen, sich dem Thema zu nähern oder es zu betrachten.
Gerade heutzutage ist die Vielfalt der Tarotdecks zu einem grossen Vorteil geworden, weil die verschiedenen Zeichner Details mit einbringen, die hilfreich bei der Arbeit mit dem Klienten eingesetzt werden können oder weswegen ein Klient gerade eine Karte auswählt und nicht eine andere.
Müssen die Karten in einer Sitzung verdeckt gezogen werden?
In Sitzungen mit Kartenlegen ist es normal, dass die Karten nach dem Mischen verdeckt gezogen werden. Dieser Zufall ist bei einem Coaching oder einer Therapiesitzung keineswegs notwendig. Der Klient kann sich gerne die Zeit nehmen, die Karten in aller Ruhe zu betrachten und jene auszuwählen, die ihn ansprechen - sei dies nun in positiver oder negativer Weise.
Es kann dabei helfen, dennoch eine Frage vorher zu stellen, auch wenn diese anders formuliert wird wie beim Kartenlegen. Es geht hier nicht darum, die Zukunft zu erkunden sondern zum Beispiel dem Klienten mit einer Frage zu helfen, jene Karten auszuwählen, die er mit der Frage verbindet.
Dennoch erlebe ich es oft, dass Klienten die Karten verdeckt ziehen möchten, um auf diese Weise auch neue Informationen zuzulassen. Der Überraschungseffekt hilft oftmals, im Unterbewusstsein Lösungen hervorkommen zu lassen, an welche sie bewusst nicht gedacht hätten. Doch auch bei der offenen Auswahl sind es oftmals kleine Details, die den Klienten unbewusst dazu bringen, die verschiedenen Karten auszuwählen.
Ist es wichtig, die Bedeutung der Karten zu kennen?
Ich möchte diese Frage mit einem klaren "Jain" beantworten, da es in meinen Augen vieles gibt, das es zu berücksichtigen gilt.
Wenn ein Coach mit Fotos arbeitet, ist es oftmals so, dass er den Klienten fragen wird, warum dieser eben dieses Bild ausgewählt hat. Dies ist in keinster Weise anders, wenn man mit Tarotkarten arbeitet. Auch wenn der Klient die Karte verdeckt gezogen hat, können Fragen wie 'was fällt Ihnen bei dem Bild als erstes auf' vollkommen ausreichen, um das Gespräch zur Lösung hin über die Karte zu leiten.
Es spielt keine Rolle, welche Interpretation der Karte zugrundeliegt, da diese lediglich ein Hilfsmittel ist, sich auf den Klienten und dessen Sicht zu konzentrieren. Die Karte und besonders die Personen im Bild unterstützen dabei, sich selbst distanzierter zu betrachten oder auf Persönlichkeitsanteile zurückzugreifen, welche in unserem Inneren vielleicht schon mit einem Lösungsansatz warten, erkannt zu werden.
Die Bedeutung der Karte kann allerdings helfen, wenn der Klient etwas noch nicht wahrhaben möchte oder noch nicht bereit ist, auf einen verdrängten Aspekt zu betrachten. Dennoch ist es hier überaus wichtig, sehr vorsichtig mit der Interpretation umzugehen, um einem Klienten diese nicht aufzudrängen, entweder weil sie gerade gar nichts mit seinem eigenen Thema zu tun hat oder aber weil er noch nicht bereit ist, eben dieses Thema aufzugreifen.
Weiterhin gilt es in meinen Augen zu beachten, dass es viele Bücher mit Interpretationen gibt, und es somit wichtig ist, auch jene zu finden, die sich therapeutisch einsetzen lassen. Dies bedeutet also die Nadel im Heuhaufen der Bücher zu finden, die lediglich fatalistische Zukunftsdeutungen erwähnen oder jene, die die Personen auf den Karten überkritisch verurteilen und somit das Schuldgefühl des Klienten schüren würden.
Gibt es Klienten, bei denen Arbeit mit Tarot abzuraten ist?
An erster Stelle möchte ich hervorheben, dass jedes Werkzeug, das man einem Klienten anbietet, erst einmal von diesem abgewiesen werden kann. Es ist am Coach oder am Therapeuten, flexibel zu sein und auf andere Methoden zurückzugreifen, die besser zu dem einzelnen Klienten passen.
Wenn jemand zu sehr an dem Bild der "Wahrsagerin" hängt, ist Tarot weniger geeignet. Es ist in meinen Augen wichtig, dem Klienten Möglichkeiten anzubieten, welchen er sich vertrauensvoll nähern kann. Dem Problem selbst auch noch das "Problem" einer Technik hinzuzufügen, die eher Misstrauen hervorruft, ist nicht förderlich für Coaching oder Therapie.
Es gibt allerdings noch weitere Klienten, bei jenen Tarotkarten als therapeutisches Werkzeug nicht unbedingt hilfreich sind. Wenn Klienten sich selbst mit Tarot befassen, kann es passieren, dass diese die erlernte Interpretation mit in die Arbeit hineinbringen, und sich somit unbewusst der kreativen unterbewussten Sichtweise sperren. Ein Werkzeug auszusuchen, welches den Klienten in gewissem Masse 'überrascht' und somit aus seiner Konfortzone lockt, kann hiermit besser geeignet sein.
Was ist mit Tarot alles möglich?
Es ist aus zwei Gründen unmöglich hier alles aufzuzählen, was man in Hinblick auf eine therapeutische Sitzung mit einem Klienten mit den Bildnissen des Tarot machen kann.
An erster Stelle würde es den Rahmen sprengen und zweitens würde ich es durch meine eigenen Ideen beschränken ohne darauf zu achten, dass wieder andere Menschen noch weitere Ideen haben. Mir geht es hier an erster Stelle darum, den Gedanken, Tarot als Werkzeug einsetzen zu können, zu fördern und die Neugier damit zu arbeiten zu wecken.
Persönlich setze ich die Karten gerne dazu ein, um schrittweise die verschiedenen inneren Ansichten des Klienten hinsichtlich eines Problems zu erläutern, um dann durch innere Arbeit - immer noch mit Hilfe des Tarot - eine Lösung zu (er)finden.
Dazu lasse ich den Klienten Karten auswählen, oftmals nachdem verschiedene Fragen mit ihm erarbeitet wurden.
Mithilfe dieser Bilder ermögliche ich dem Klienten über Fragen, einen inneren Dialog zu beginnen.
Die Karten setze ich auch für innere Stellprozesse ein, bei denen durch Aufstellen der Karten (nicht hinlegen) deutlich werden kann, welche Persönlichkeitsanteile miteinander arbeiten und welche in Konflikt zueinander stehen.
Diese Arbeit hilft ausserdem, die Bilder mit Situationen zu verbinden, und so späterhin ausserhalb der Sitzungen wieder mitsamt der erarbeiteten Lösung getriggert zu werden, so dass die Arbeit nachhaltig verankert bleibt.
Dies allerdings sind alles nur kurze Ansätze zu dem, was machbar und möglich ist. Der therapeutischen Arbeit mit Tarot sind in meinen Augen kaum Grenzen gesetzt.