Was ist Tarot und was nicht?
Im Laufe meines Lebens ist mir Tarot des Öfteren begegnet, allerdings sind die Karten erst in den letzten Jahren zu einem wichtigen Begleiter geworden. Oftmals habe ich mich von den Regeln, die es bezüglich Tarots gibt, abhalten lassen, mich diesen wunderbaren Karten wirklich anzufreunden.
Anfangs erklärten mir die Leute, welches Deck unbedingt zu nutzen sei und welches nicht, wobei jeder seine eigene Sicht verteidigte. Dies gab mir allerdings keine Angaben, um ‚mein‘ Tarot zu finden. Auch fand ich in den Büchern massenweise Anleitungen und Informationen, die ich nicht handhaben konnte, mit denen ich mich nicht wohlfühlte und die mir auch nicht halfen, die Karten bezüglich meiner Fragen zu handhaben. Hinzu kam, dass die Anfragen anderer Leute, ihnen die Karten zu legen, nicht mit meiner Ethik kompatibel waren.
In einem Satz: Ich war frustriert, keine Verbindung zum Tarot zu finden!
Dann, eines Tages sagte mir eine Bekannte folgenden Satz: Hör auf die Bücher zu lesen, und fang an, Tarot zu lesen!
Heute ist Tarot ein hilfreiches Werkzeug, von dem ich mich nicht trennen möchte.
Allerdings ist die Sichtweise auf Tarot, die sich in unserer Gesellschaft entwickelt hat, in keinster Weise so gesund, wie ich es mir wünsche. Das Bild der Kartenlegerin auf den Festen, den Tarologen im Fernseher ist leider stark verankert in den Menschen, und so wird kaum ein neuer Blickwinkel zugelassen. Auch ist es in meinen Augen wichtig zu verstehen, dass all diese Menschen nur deswegen Geld mit dieser Art des Kartenlegens verdienen können, weil die Nachfrage so groß ist. Meine Kritik geht als nicht nur in Richtung jener, die Karten legen, sondern betrifft auch die, welche es wesentlich bequemer finden, die Verantwortung ihres eigenen Lebens in die Hände einer Kartenlegerin zu übergeben. Es scheint viel einfacher, praktischer und bequemer sagen zu können, dass die Karten es ‚so‘ sagten, anstatt sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen!
Ist Tarot also nicht so mystisch wie man es zu glauben pflegt?
Ich möchte Euch eine kleine Geschichte erzählen, eine Anekdote, die mir vor Jahren passiert ist und welche mir erklärte, dass es die freie Wahl eines jeden ist, wie er mit Tarot umgeht:
Ich war zu einem Treffen von Leuten eingeladen, die sich auch für Spiritualität und Esoterik interessierten, und so nahm ich auch mein Orakel mit (damals war es noch kein Tarot). Die Person, die mich eingeladen hatte, hatte auch ihr Deck mitgebracht (ein Tarot), eingepackt in Seide. Ich war neugierig und bat darum, das Deck sehen zu können und die Reaktion war folgende: AH NEIN, DU KANNST ES NICHT BERÜHREN!
Er nahm sofort seine Karten vom Tisch, und hielt das Deck fest, als wolle er es beschützen. Seine Reaktion erstaunte mich und so fragte ich nach.
‚Wenn jemand die Karten anfasst, dann muss ich sie wieder mit einem komplizierten Ritual reinigen, um sicher zu sein, dass sie wieder richtig funktionieren,“ erklärte er mir „man darf NIEMALS jemand anderem die Karten in die Hände geben, weißt du das denn nicht?“ Mein Erstaunen wuchs, hatte ich doch noch nie ein Problem gehabt, meine Karten jemand anderem zu geben. Ich freute mich immer, wenn sich jemand dafür interessierte, da würde ich doch bestimmt mein Orakel nicht verstecken!
Somit bekam ich meine erste Lehre (nach mehr als 10 Jahren Arbeit mit meinem Orakel) über die ‚Gesetze‘ wie man mit einem Tarot umging, wie man eine Legung vorbereitete… nicht zu vergessen, dass man ein Reinigungsritual vor und nach dem Besuch eines Anfragenden machen musste, da dieser doch sicherlich negative Spuren an den Karten hinterließ, welche dem Orakel nur schaden konnten.
Ich hörte ihm nun doch amüsiert zu, und als er zum Schluss fragte, ob ich denn auch ein Orakel mitgebracht hätte, nahm ich es aus meiner Tasche, hielt es ihm hin und fragte: „Möchtest du es sehen?“
Ich bitte Sie, mich nicht falsch zu verstehen. Ein Ritual nach der Arbeit um Ruhe zu finden, und sich auf die Arbeit mit Tarot einzustellen, ist in meinen Augen eine sehr gute Idee um eine Trennung zu vollziehen. Aber man kann es halt auch übertreiben. Tarot ist kein Gott, sondern ein Werkzeug. Ich sehe es ähnlich wie Sky Walkin Stik Man Alone, ein Native American, den ich vor einigen Jahren kennenlernte. Er erklärte, dass ein Werkzeug uns nur dann verletzen kann, wenn wir Angst davor haben, es wird uns im Leben jedoch helfen, wenn wir lernen, damit respektvoll umzugehen. Tarot ist für mich ein solches Werkzeug, welches nicht die Verantwortung für mein Leben übernimmt, sondern mich dabei unterstützt, besser damit klarzukommen.
Ein weiterer Aspekt, der mir des Öfteren auffällt, ist die fatalistische Sicht, die viele bezüglich dessen haben, was Tarot uns zeigt. Es ist, als wäre das, was die Karten zeigen in Stein gemeißelt. Das Schlimmste dabei ist für mich, dass diese Sicht auch den Anfragen vieler Kunden entspricht: Wird dieses oder jenes passieren? Viele erwarten eine fatalistische Antwort um späterhin sagen zu können, dass man es eben nicht ändern kann, und um auf diese Weise die Verantwortung auf die Kartenleger abzuschieben und zu erklären: Aber er, er hat doch gesagt!
Nein, Tarot zeigt uns keine Zukunft, welche nicht zu ändern ist, einfach deswegen weil die Zukunft an sich überhaupt nicht existiert. Es existieren eher unendliche Möglichkeiten, wie die Zukunft sich zeigen wird, und Tarot wird die wahrscheinlichste davon zeigen, wenn man nichts an seinem Verhalten ändert. Und sein Verhalten zu ändern liegt in der Hand eines jeden.
Nutzen wir also Tarot um Lösungen zu finden, so dass wir eine Zukunft erschaffen, die unseren Wünschen und Nöten am besten entspricht.
In dieselbe Richtung gehen die regelmäßigen Anfragen zum Thema ‚Liebe‘: Wann wird der Prinz in seinem Luxusauto (nein, die Pferde gibt’s nur noch unter der Haube), an meine Tür klopfen? Und auch hier hat dieses „Wann“ in keinster Weise etwas mit einem Datum zu tun, welches wir im Kalender ankreuzen kann, darauf wartend, indem wir zuhause vor dem Fernseher sitzen, ohne uns selbst zu bewegen oder auch irgendetwas zu tun, damit sich die Liebe und ein liebevoller Umgang miteinander entwickeln könnte.
Dieses „Wann“ ist vielmehr eine Einladung dazu, genau zu betrachten, was wir selbst anzubieten haben. Die Liebe wird uns erreichen, wenn… wir etwas Spezielles in unserem Leben getan haben (vielleicht wirklich sich von der letzten Beziehung getrennt haben)… wir gelernt haben, die Dinge anders zu betrachten (dass dieses geliebte – und sehnsüchtig erwartete – Wesen nicht verantwortlich für unser Glück ist)… usw.
Tarot kann uns vielleicht zeigen, WARUM wir diese Liebe noch nicht gefunden haben, die wir scheinbar nicht für uns selbst nicht empfinden können und die wir deswegen im Äußeren suchen, um sie dann zu projizieren.
Um das Thema „Verantwortung“ noch einmal aufzugreifen, möchte ich noch einen Punkt klären. Viele Leute glauben an die unendliche Fähigkeiten des Tarot, und scheinen zu vergessen, dass sie hier leben, auf der Erde, in einer Gesellschaft, welche Regeln hat, die wir nicht vergessen sollten. Tarot hat seine Grenzen, ein Kartenleger auch. Beispiel: Eine kranke Person kann durch Tarot Ideen finden, wie sie ihre Gesundheit fördert, aber Tarot ist kein Medikament und wird uns nicht erklären können, welche Kur uns hilft, um wieder gesund zu werden. Es ist wichtig, in solchen Fällen einen Arzt aufzusuchen und die Grenzen des Tarots zu respektieren. Dasselbe zählt für psychische oder legale Probleme. Tarot ersetzt weder Psychologen noch Anwälte. Allerdings kann die Arbeit mit den Karten sozusagen ‚vorbeugend‘ wirken, solche Grenzen erst gar nicht zu erreichen.
Ich möchte einen letzten Punkt klären, welcher mir sehr wichtig erscheint, nicht nur in Betreff auf Tarot sondern allgemein was den Respekt anderen Menschen gegenüber betrifft. Es kommt hin und wieder vor, dass die Kunden wesentlich stärker am Leben anderer Menschen interessiert sind, als an dem ihren. Ganz im Ernst: Wenn Ihr wissen möchtet, ob der Typ, der bei der Nachbarin ein und aus geht, ihr neuer Freund ist, klingeln sie bei ihr und fragen Sie sie. Wenn es Sie interessiert, ob Onkel Fred sterben wird und Ihnen sein Geld oder seine Wohnung vererbt, rufen Sie ihn an und fragen Sie ihn, wie es ihm geht. Und wenn beide Euch erklären, dass es Sie nichts angeht, dann haben sie recht! Sie möchten ja auch nicht, dass jemand sich für ihre Privat- oder Intimsphäre interessiert. Also respektieren Sie die Mitmenschen, respektieren Sie Tarot und nutzen Sie die Karten um etwas über das einzige Leben zu erfahren, dass Sie betreffen sollte: Das ihre!
Über dem Eingang des Orakels von Delphi gab es eine Inschrift von Sokrates: Gnôthi seauton – Erkenne dich selbst. Und wie jedes Orakel, ist auch Tarot dazu da, uns selbst besser kennen zu lernen.