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ANOTHER LOOK

Feige?

23. Januar 2014, 10:59am

Veröffentlicht von Shade

"Du hast mich ja gestern mit einer Bombe alleine hier sitzen lassen," meine ich etwas ungehalten, als er vor mir auftaucht.

 

Er nickt, seine stahlblauen Augen wieder auf mich gerichtet.

 

"Ich bin mir dessen bewusst, doch ebenso bin ich mir bewusst, dass der Mensch Zeit braucht, zu verdauen, was man ihm entgegenbringt. Es hätte keinen Sinn gemacht, euch weiter zu erklären, worum es geht, solange du als mein Sprecher nicht die Fragen aufgesetzt hast, die es auch anderen vielleicht ermöglicht, mich zu verstehen. Denn wir sind uns ja klar, es geht um Verständnis."

 

Ja, er hat recht, seine letzten Worte haben mich einiges abwägen lassen, bei dem mir bewusst ist, dass mit "Ja, aber" geantwortet werden wird, es hat mir die Möglichkeit gegeben, mir die eine oder andere Fragen auszuwählen, um so vielleicht schrittweise ein Verständnis zu erarbeiten, worum es eben wirklich geht.

 

"Womit möchtest du beginnen," fragt er mich.

 

Er wartet, und ich versuche, meine Worte gewählt zu formulieren. Dennoch...

 

Ich möchte kurz etwas aufgreifen. Einiges was im Forum geschrieben wurde, ärgert mich persönlich, weil es in meinen Augen vor Hochmut strotzt. Es hiess, Satan könne mich ja als Medium einsetzen, wenn er sich denn traue. Woher kommt diese Idee, er sei feige, und das von Menschen, die bisher in der Unfähigkeit glänzten, selbst den Mut aufzubringen, ihm unvoreingenommen zu begegnen?

 

Ich blicke ihn an und er lächelt.

 

"Du, der die Menschheit doch auch schon seit einiger Zeit betrachtest," meint er dann leise, "wundert dich diese Haltung wirklich?"

 

Ich schüttele den Kopf, nein, sie wundert mich nicht. Wie oft schon habe ich miterlebt, wie Menschen ihre eigene Unzulänglichkeit auf andere projizieren.

 

"Dann bring Verständnis dafür auf, denn es wird dir helfen, diesen Menschen mit innerem Frieden und mit Liebe zu begegnen."

 

Für einen Augenblick schweigt er, atmet tief ein.

 

"Vielleicht sollten wir damit beginnen," schlägt er vor.

 

"Wenn der Fuchs nicht schwimmen kann, muss das Wasser daran schuld sein," spricht er ein Zitat aus, das ich vor Jahren einmal gelesen habe, "so ähnlich ergeht es auch den Menschen, die mich als feige definieren. Sie haben gelernt, vor Unbekanntem und Gefährlichem Angst zu haben, und ich möchte ihnen mit dieser Haltung nicht Unrecht geben. Einzig und alleine möchte ich zu bedenken geben, dass unbekannt und gefährlich nicht gleichzeitig böse bedeutet."

 

Er löst den Blick seiner stahlblauen Augen von mir und blickt gedankenverloren nach oben. Ich nehme mir die Zeit, ihn zu betrachten, und stelle fest, wie zart er wirkt. Nichts scheint wirklich furchterregend an ihm, wenn man ihn ansieht, losgelöst von den Ideen und Bildern, die einige von ihm darstellten. Warum ist das so?

 

"Weil sie ihre Sicht von mir malten, ihre Furcht vor mir, nie aber mich selbst," wieder hat er meine Gedanken erraten.

 

"Ihr lernt, mich als das Böse zu fürchten, als jenes Wesen, das euch verführt. Doch warum sollte euch jemand verführen? Ihr habt einen freien Willen und tut, was in diesem freien Willen möglich ist. Dies allerdings erkennen die wenigsten, es kommt ihnen vor, als seien sie von aussen getrieben, wenn sie Dinge tun, die nicht zu dem gehören, was von der Seite eines Christen, eines Bibel-akzeptierenden Menschen, als rechtens betrachtet wird. Und weil es euch erschreckt, euch Angst macht, möchtet ihr es nicht sehen, nicht hören."

 

Er seufzt und sein Blick enthält etwas, dessen Traurigkeit ich nur erahnen kann.

 

"Wer hört mir denn da wirklich zu? Wer nimmt sich denn die Zeit mich wirklich zu betrachten als das was ich bin, ein Teil von euch, so wie ihr ja auch einen göttlichen Teil als den euren annehmt, oder annehmen möchtet. Weil mich jemand durch seine Filter hindurch allerdings so wenig wahrnehmen kann, wie ein Farbenblinder Farben erkennen kann, falle ich sozusagen durch das Raster eurer Möglichkeiten. Ihr hört mich nicht, weil ich nicht auf einer ... Ebene... spreche, die für euch erkennbar ist, so wie das zwei-dimensionale Männchen auf einem Blatt einen dreidimensionalen Bleistift nicht in seiner Ganzheit wahrnehmen kann. Doch der Mensch benötigt eine Erklärung dafür, dass ich nicht erkennbar bin. Und so wie das bei Gott mit den Worten 'Gottes Wege sind unergründlich' erklärt wird, benötigt ihr eine Erklärung was mich betrifft."

 

Wieder schweigt er, seine stahlblauen Augen blicken wieder durch mich hindurch, doch ich stelle fest, dass mich das nicht mehr erschrickt, wie es zu Anfang vielleicht war. Ich lasse es zu, und versuche mich ebenso in mein Gegenüber einzufühlen...

 

"Für jene, die mich als böse definieren, muss also eine negative Erklärung herhalten. Feigheit scheint dabei die logischste Schlussfolgerung zu sein dafür, dass jemand nicht auftaucht um... sich zu rechtfertigen," ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

 

"Und dennoch, ich stehe neben euch, spreche mit euch, doch wer erlaubt sich die Möglichkeit, auch mir unvoreingenommen zuzuhören, und für ein paar Minuten das auszuschliessen, was er aus Gottes Büchern mitgenommen hat?"

 

Stille tritt ein.

 

"Nun haben wir noch nicht das angesprochen, worum es zu anfang geht," meint er, "doch wir haben Zeit, ich werde mich zur der Idee, die du anfangs als Titel hinschreiben wolltest, auch noch äussern. Hab Geduld. Während über zweitausend Jahren habt ihr nur eurer Darlegung und Auslegung zu Gott, dessen Wege unergründlich sind, zugehört, ich bitte nur um ein bisschen Zeit hin und wieder, um euch die Möglichkeit zu geben, jenes Puzzleteil einzusetzen, das euch zum Gesamtbild noch fehlt."

 

Ein letzter Blick, ein letztes Lächeln, dann ist er wieder entschwunden.

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