Satan vs. Gott
Satan vs. Gott
"Versus," höre ich eine Stimme...
Seine stahlblauen Augen blicken gedankenverloren nach oben, dann schliesst er sie kurz und als er sie wieder öffnet, sieht er mich an... sieht durch mich hindurch. Ich warte darauf, dass er mir jene Gedanken offenbart, die er gerade eingefangen hat.
Er schüttelt den Kopf.
"Es gibt kein Versus," meint er, und seine Stimme klingt ebenso gedankenverloren wie sein Blick eben andeutete.
"Worum geht es dann," meine Frage erschrickt mich, war sie doch recht drängend ausgesprochen worden, wie mir schien.
"Ich überlege gerade, wo ich beginnen soll, damit der Kern dessen, worum es geht, auch wirklich sichtbar wird," meint er, immer noch in Gedanken versunken, "wie kann ich einem Menschen, der glaubt, eine Seite wählen zu müssen, erklären, dass es keine Seite gibt?"
"Aber es geht doch hier um Gott und Satan, es geht doch um...," sein Blick lässt mich schweigen und ich sehe, wie sich auf seinen Lippen ein Lächeln ausbreitet.
"...um Gut und Böse," schliesst er meine Gedanken, dann schweigt er für einen Augenblick.
"Geht es wirklich darum," fragt er dann.
"So wird es doch immer erklärt," ist meine flüsternde Antwort.
Er nickt, immer noch umspielt ein Lächeln seine Lippen.
"Ok, ich akzeptiere diesen Aspekt für einen Augenblick als Regel des Spiels, ich lasse mich darauf ein, weil es vielleicht hilft, andere auf ihrem Standpunkt abzuholen. Doch ich werde es mir nicht nehmen lassen, meinen Standpunkt zu erklären," meint er und lehnt sich gemütlich zurück.
Wieder schliesst er einen Augenblick lang seine Augen, dann scheint er sich selbst zuzunicken. Als er seine Lider wieder öffnet, scheint es mir, als sei das einzige, das von ihm präsent ist, eben diese stahlblauen Augen.
"Du hast recht," erklärt er schliesslich, "nur wenn wir von der Idee der Dualität ausgehen, können wir von Gott und mir reden. Und nur wenn ich diesen Punkt in diesem Augenblick hinnehme, kann ich mich und somit auch Gott erklären."
"Wie meinst du das," frage ich und schweige, denn es scheint mir, als würde ich ihn wiederum drängen, mir das zu erklären, was er sowieso erläutern möchte, warum er sich auf dieses Gespräch überhaupt einlässt.
"Auch auf der Ebene der Dualität gibt es kein Gott versus Satan, es ist ein Miteinander, denn in der Dualität bedingen die beiden Extreme einander. In dem alten Testament war Gott ebenso sehr das liebende wie das zürnende Wesen, das Wesen das Tugend und Sünde vereinbarte. Es war eins und damit hatte es sich. Nun, da Gott als das Gute definiert wird, muss es einen Widersacher geben, eine Wesenheit, das den dunklen Teil des Ganzen in sich aufnimmt und darstellt... lebt... erschafft... wie immer es der einzelne nennen mag."
"Also musst du das Böse sein," erwidere ich, nicht sicher ob ich damit einen Fakt ausspreche oder eine Frage stellen möchte, "dir bleibt nichts anderes übrig, als die Menschen zu verführen."
Wieder sehen diese stahlblauen Augen durch mich hindurch.
"Was möchtest du jetzt? Dass ich ja sage und akzeptiere, dass ich 'böse' bin um mich dem zu unterwerfen, wie ihr mich definiert. Oder dass ich das bin, was ich wirklich bin: ein Teil der Wahrheit!"
Ich schlucke, denn, ja, was ist die Wahrheit?
"Lass mich dies mal anders beginnen," meint er, und seine Stimme klingt weich und sanft, "stell dir mal vor..."
Ich atme tief durch, bereite mich darauf vor, mich auf ihn einzulassen...
"Stell dir mal vor, es gäbe keine Nöte mehr auf der Welt, kein Mensch müsse mehr hungern, niemand müsse mehr leiden. Es gäbe keine Kriege mehr, keine Kämpfe mehr," er schweigt einen Augenblick, "wäre das gut?"
"Ich denke schon," zögere ich, denn irgendetwas sagt mir, dass diese scheinbar einfache Aussage in sich selbst ... nun... einen Haken hat.
Wieder blickt er mich an, blickt er durch mich hindurch, und auf seiner Stirn kann ich kurz eine Falte erblicken, jenen Gedanken, den er nun ausspricht.
"Und was ist dann mit all den Leuten, die ihr Gutsein damit definieren, diesen geplagten Menschen und Tieren zu helfen? Was werden jene Menschen tun, die es zu ihrem Lebenssinn gemacht haben, das Böse zu bekämpfen, mich zu bekämpfen, in dem sie den Widersacher erdenken, den es in Schach zu halten gilt, damit sie sich an die Seite Gottes stellen können? Sie wären der Möglichkeit beraubt, gut zu sein, weil es nichts mehr gäbe, das sie in ihrem dualistischen Denken als schlecht definieren und zu dem sie sagen können, sie seien dieses, weil sie jenes nicht sind."
Er lässt seine Worte sinken, sein Blick wieder gedankenverloren nach oben gewandt, lässt sich und mir Zeit, ehe er das Wort wieder ergreift.
"Gott und Satan, Gott und ich bedingen einander. Gott kann nur Gott sein, weil ich, Satan, existiere. Und ich kann nur Satan sein, weil Gott existiert. Die Ironie daran ist, dass jene, die sich dazu entscheiden, sich für Gottes Liebe einzusetzen, die diese Liebe vertreten und sie leben wollen, dass gerade jene sich so schwer daran tun, auch mich liebevoll zu umarmen und mich als das zu sehen was ich bin: Ein ebenso göttliches Geschöpf, wie sie es sind, wie die Engel es sind, wie alles ist, was in dem dualistischen Glauben erschaffen wurde. Etwas, das erschaffen wurde, von einem Wesen, das für alles einen Sinn hatte, und sei es... in den Augen der Dualistisch-Denkenden... auch nur, um bekämpft zu werden. Doch wie will man kämpfen, wenn man nur liebt? Denn wo Liebe ist, ist nur Liebe und nichts kann noch existieren um gehasst, negiert, vernichtet oder ignoriert zu werden."
Er schliesst seine Augen.
"Wenn es dem Menschen also gelingt, mich zu vernichten, vernichtet er im gleichen Augenblick auch Gott, weil das Gute, das durch ihn von den Menschen definiert wird, keinen Ansatzpunkt mehr hat, keine Referenz, was denn nun gut oder böse ist. Menschen nehmen die Bibel als Ansatzpunkt des Guten, doch auch dort wird das Böse beschrieben, und..." ein Lächeln breitet sich wieder auf seinen Lippen aus... "wer das Gute definiert, erschafft gleichzeitig auch das Böse, das für das steht, was das Gute nicht ist."
Nun kann ich mir ein Grinsen auch nicht verkneifen. Ich wusste nicht, dass Satan Taoist ist. Der Gedanke erschrickt mich und ich blicke ihn an, doch sein Gesichtsausdruck hat sich nicht verändert.
"Darum geht es wirklich," meint er schlicht.
Stille stellt sich ein, ich geniesse sie, gibt auch sie gibt mir wieder Zeit meine Gedanken zu ordnen. Denn wenn Gott und Satan sich bedingen, gibt es dann eine Möglichkeit, diesen ewigen Kampf je zu beenden.
"Ja," höre ich seine Stimme, "deswegen wurde ich erschaffen."
"Gott hat dich erschaffen im Wissen, dass du sein Widersacher bist," meine Verblüfftheit ist klar zu erhören.
Er nickt.
"Ja," sagt er noch einmal, leise und schlicht.
"Ich bin sein Widersacher, sein Gegenpart, erschaffen um ihn zu vernichten."
Immer noch sind seine Worte leise ausgesprochen.
"Aber wenn du ihn vernichtest, vernichtest du auch dich," ich kann meinen Zweifel nicht verbergen
"Eben," meint er, immer noch leise, immer noch schlicht
"Und wenn ich vernichtet werde, wird auch Gott sich vernichten," fährt er fort.
"Aber warum," es ist fast ein Aufschrei.
Er blickt mich wieder mit seinen stahlblauen Augen an, ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen. Dann schliesst er seine Lider und als er sie öffnet, trifft mich ein Blick, dessen liebevolle Energie mich fast umwirft.
"Weil es die einzige Möglichkeit ist, euch zu befreien."
Ein letzter Blick, dann ist er wieder verschwunden.