Kommunikation mit Wesenheiten
"Gestern hast du mir den Sinn der Fragen erklärt," ich lasse ihm kaum Zeit anzukommen, "doch so richtig, was das jetzt mit der Idee, dass Gott zu den Menschen sprechen könnte, zu tun hat, habe ich nicht begriffen."
Er lächelt. Er lässt sich die Zeit, die ich ihm nicht gelassen habe, und blickt mit seinen stahlblauen Augen durch mich hindurch.
"Ich werde mit dem Bildnis des Raumes beginnen," erklärt er, "das könnte es verständlicher machen."
Wieder schweigt er einen Augenblick.
"Ich habe gestern erklärt, dass also die Frage an sich euch den Schlüssel gibt, um Türen in eurem Raum zu öffnen. Die Antwort könnt ihr auch wahrnehmen, solange ihr in eurem Raum bleibt. Verstehen allerdings könnt ihr sie sozusagen erst ausserhalb des Raumes, weil ihr dann ... sagen wir... in der Antwort seid. Um beim Bild zu bleiben. Wenn du durch die Tür in deinem Raum auf das Äussere... in diesem Fall die Antwort... blickst, kannst du nur einen Bruchteil davon erkennen. Erst wenn du deine Grenzen überschreitest, dir eine andere Sicht erlaubst, einen anderen Blickwinkel einnimmst, kannst du die Antwort ganz erkennen. Und da liegt das Problem was die Wahrnehmung des Göttlichen betrifft."
Ich lasse seine Worte erst einmal sinken, langsam beginne ich zu begreifen was er meint. Wenn die Antwort Gottes das gesamte 'da draussen' ist, passt sie nicht durch die Tür.
Er lacht, wie schon so oft, hat er meine Gedanken mitbekommen.
"Schön formuliert," meint er, immer noch lachend, "aber ja, genau das ist das Problem mit den Antworten auf eure Fragen. Wenn Menschen in ihrem normalen Rahmen eine Frage stellen ist die Antwort eines Wesens, das sie als so gross und unfassbar ansehen, nicht wahrnehmbar. Wir hatten das Thema schon von dem kleinen Menschenwesens, und ich möchte hier mal provozieren. Was nimmt eine Ameise wirklich vom Menschen wahr, wenn sie vom Schuh, den er trägt, zertreten wird? Das interessante daran ist, dass der Mensch nicht davon erschlagen würde, wenn er die Gesamtheit wahrnehmen würde, er erschlägt sich selbst damit, weil er versuchen wird, dieses Wissen, diese Wahrheit in den Schuhkarton seiner Rationalität zu verpacken."
Langsam beginne ich zu begreifen, warum es den meinsten Menschen so schwer fällt. Ein weiteres Bild kommt mir in den Sinn: ein Trichter, in den man oben sehr viel hineinfüllen kann, doch es benötigt Zeit, es durch den kleinen Ausgang wieder durchlaufen zu lassen.
Er nickt
"Ja, und wenn man bedenkt, dass das, was oben in den Trichter geschüttet wird, die Unendlichkeit ist, kannst du dir ja vorstellen, was passieren wird, wenn man versucht, sie der Endlichkeit des normalmenschlichen Denkens anzupassen."
Stille stellt sich ein.
"Und so ergeht es dem Menschen mit dem Grossteil der Wesen, die ihn umgeben," meint er leise und schliesst kurz seine Augen.
"Die meisten der Wesenheiten, die die Menschen so gerne aufrufen, sind in ihrem Wesen menschlich gesehen gar nicht erfassbar. Sie ganz zu erkennen und auf den rationalen Stand eines Channelings hinabzubrechen, würde dem normalen Menschen den Verstand rauben," er spricht es aus, als würde er über's Wetter reden.
Ich kann einen kurzen Zweifel aufflammen spüren
"Und was ist mit mir," frage ich ihn, und meine Stimme klingt schärfer als ich es geplant habe.
Er lächelt mich an.
"Hast du dir je einen Gedanken darum gemacht, wie Engel aussehen," fragt er mich und ich schüttele den Kopf.
"Hast du je irgend eines der Wesen, das dir begegnet ist, gleich katalogisiert," fragt er weiter und ich verneine.
"Warum sollte ich," meinte ich etwas fassungslos, "meine Mutter erzog mich schliesslich so, dass ich fragen sollte, wer da ist so dass sich jeder selbst vorstellen kann, so wie ich ja auch nicht gerne in eine Schublade gesteckt werde, sondern möchte, dass Menschen mich so wahrnehmen wie ich bin."
"Eben," meint er schlicht, "das ist der Unterschied. Du hast gefragt und dann überprüft und dir deine eigene Meinung gebildet. Bei vielem hast du nachher Parallelen gefunden, aber du hast es, so wie es eigentlich sein sollte, es erst einmal selbst herausfinden dürfen."
"Deswegen bin ich meiner Mutter auch heute noch dankbar," meine ich leise.
"Ich auch," antwortet er.
"Doch anstatt offen in den Raum hinein zu fragen, wer für die Antworten der gerade gestellten Fragen zuständig sein mag, fragen viele gezielt in eine Richtung," nimmt er die Erklärung wieder auf, "um also beim Bild zu bleiben. Sie haben einen Schlüssel und versuchen krampfhaft, ihn in das Schloss einer Tür zu zwängen, in welches er nicht hineinpasst. Und deswegen können sie nur durch das Schlüsselloch schauen. Wenn die Tür schon nicht das Gesamtbild zulässt, wieviel davon passt dann durch ein Schlüsselloch?"
"Nicht sehr viel," gebe ich zu bedenken und er nickt.
"Und alles, was sie dort durch diese verengte Wahrnehmung erkennen können, wird in Schubläden gesteckt, ob diese nun passen oder nicht. So wird jedes Wesen, das irgendwie Licht ausstrahlt, als Engel oder gar Erzengel angesehen, wird zum Schutzengel degradiert oder zum aufgestiegenen Meister erhoben. Aber man lässt diese Wesen nicht sein, was sie sind. Diese Information schaltet der Mensch aus dem einfachen Grund aus, weil sie ihn überfordern würde."
Wieder blickt er mich mit seinen stahlblauen Augen an.
"Mal im Ernst," nimmt er den Faden wieder auf, "glaubst du wirklich, dass zum Beispiel der Erzengel Michael überall dort ist, wo er für jedes Kinkerlitzchen gefragt wird. Jeder, der auch nur einen Funken Unsicherheit in sich trägt, schreit nach ihm. Doch würde er wirklich einmal auftauchen...," er atmet tief durch, "würden sie ihn für den Teufel persönlich halten."
Mir klappt der Kiefer herunter, in mir bauen sich Fragen um Fragen auf...
"Morgen," meint er knapp, "morgen ist ein nächster Tag."
Er lächelt mich an, und dann ist er wieder entschwunden.