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Der armselige Mensch

21. Januar 2014, 13:21pm

Veröffentlicht von Shade

Der armselige Mensch

 

"ich, als armseliger Mensch,..." erklärte eine Userin in einem Thread

 

Ich höre Lachen und blicke auf... in stahlblaue Augen.

 

Er lacht, leise, so dass er seine Augen nicht schliessen muss und seinen Blick nicht von mir wenden muss.

 

"Glaubst du das," fragt er mich.

 

"Was, dass ich ein armseliger Mensch bin," ich möchte sicher sein, worüber wir sprechen.

 

Er nickt.

 

"Ich habe da so meine Zweifel," überlege ich, "aber du weisst ja, ich hab's auch nicht so mit Gott und den Auswüchsen des Glaubens."

 

Wiederum ein Nicken. Er schliesst leicht seine Augen, und es scheint mir, als würde er darüber nachdenken, wie er das am besten zum Ausdruck bringen kann, worum es bei diesem Gedankenspiel wirklich geht. Dann sieht er mich wieder an.

 

"Wie verstehst du es denn, wenn jemand auf der einen Seite erklärt, Gott habe euch nach seinem Ebenbild erschaffen, und auf der anderen Seite sagt, er sei armselig. Würde die Person damit nicht aussagen, dass Gott ja auch armselig wäre, ein Wurm, der sich eigentlich seiner Fähigkeiten nicht bewusst ist, unfähig, auch nur das Geringste zu erschaffen?"

 

Ich atme tief ein

 

"Eben," meint er schlicht

 

Schweigen breitet sich aus. Ich weiss nicht, was ich darauf antworten soll, ich weiss nicht einmal, was ich noch fragen möchte.

 

"Und jene, die sich dann ihren Unzulänglichkeiten stellen, ihrem Schatten, jenen Teilen von sich selbst, jene Charaktereigenschaften, die sie als nicht für einen guten Menschen zulässig, in ihr tiefstes Unterbewusstsein verbannt haben, erkennen, dass auch diese Teile eine positive Absicht in sich tragen, die man wertefrei in sich aufnehmen und liebevoll ausleben kann... jene, die sich von den Vorurteilen der Vertreter Gottes abwenden, weil sie sich ihre eigene Meinung bilden möchten... jene werden misstrauisch beäugt, bloss weil sie nicht einfach so, blind und ohne nachzudenken, den Worten jener folgen, die glauben, sie wüssten, was Gott wirklich bezweckt," führt er fort.

 

Wieder sieht er mich an, seine stahlblauen Augen blicken durch mich, in mich, in mein tiefstes Inneres, dort, wo sich genau der Teil von mir befindet, der ... wenn ich es mir eingestehe... um die Erlaubnis bittet, frei wählen zu können, ohne verurteilt und bestraft zu werden, frei, weil ich es möchte, und weil es sich für mich 'richtig' anfühlt.

 

"Was gibt es zu verurteilen," meint er liebevoll, "du bist du, du gibst dich so wie du wirklich bist, und unterstützt Menschen, sich selbst zu finden, sich selbst zu heilen, und liebevoll mit sich und ihrem Umfeld umzugehen. Wer sollte dich da verurteilen wollen, nur weil du dich nicht mit den Büchern jener befasst, die die Welt in schwarz und weiss einteilen wollen, bloss weil ihnen die Fähigkeit verloren gegangen ist, sich an dem farbenfrohen Umfeld zu erfreuen, das nur zusammen ein Gesamtbild gibt, aus welchem man - wenn man es dann ganz erkennen kann - kein gut und böse als solches heraustrennen vermag."

 

Er lächelt und hält den Blick zu mir, für einen kurzen Moment, dann ist er wieder entschwunden

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