Jeder ist sich selbst der Nächste
"Jeder ist sich selbst der Nächste"
Dies, so erklärte eine Userin, sei der Zeitgeist der Satan gefiele...
Er blickt mich an, stahlblaue Augen, die mich zu durchboren scheinen, und er lächelt.
"Ist es nicht einfach, einen Satz, der für mich steht, als böse hinzustellen," fragt er, und nickt, als habe er die Antwort schon gehört, bevor ich sie aussprechen konnte, "was ist böse an dem Satz, nicht wahr," fügt er meine unausgesprochene Frage hinzu.
"Es ist erstaunlich, wie einfach es sich Mensch doch macht. Er setzt alles in Extremen um, weil er doch mit freiem Willen begabt ist, und wenn es dann in die Hose geht, soll ich schuld am Konzept sein," er lehnt sich im Stuhl zurück und wartet, indem er mich weiterhin mit seinen stahlblauen Augen betrachtet.
"Was bedeutet denn dieser Satz für dich," möchte ich wissen.
"Die Wahrheit," antwortet er schlicht.
Die Wahrheit? Es scheint mir so einfach daher gesagt, die Wahrheit ist, dass jeder sich selbst der Nächste ist... aber dennoch, so falsch ist das nicht, auch wenn ich es mal ganz neutral auf den Körper herunterschraube, dann bin ich in mir drin und so bin ich mir selbst der Nächste, dann erst kommen die anderen. Ist es so zu verstehen.
"Lass mich jemanden zitieren, der vielen eher liegt, dessen Worte lieber mögen, weil sie ihn als gut bezeichnen, als den Erretter und Erlöser," höre ich ihn sagen, und ich blicke ihn an.
Er hat seine Augen geschlossen, so als müsse er über die Worte, die er nun sagen möchte, nachdenken, sie sich ins Gedächtnis rufen...
"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," spricht er schliesslich, "das hat Jesus gesagt."
Ich nicke, und er fährt fort.
"Das bedeutet, dass du nur dann andere lieben kannst, wenn du dich selbst liebst. Und das ist nur möglich, indem du wahrnimmst, dass du dir selbst der Nächste bist. Einfach so, ohne Werturteil. Sei dir selbst der Nächste, liebe dich selbst von ganzem Herzen, und du wirst dich als das göttliche Wesen erkennen, das du bist und das sich als Du mit anderen austauschen kannst, das als Du andere lieben kannst."
Er schweigt.
"Mehr sagt der Satz nicht aus, aber auch nicht weniger. Nur weil einige Menschen nicht damit klarkommen, dass er von mir ist, fühlen sie sich gezwungen, ihn zu verzerren und ihn ebenso verzerrt auszuleben. Dafür kann der Satz nichts, dafür kann ich nichts, denn den freien Willen, dies zu tun, haben diese Menschen von Gott erhalten."
Ich schlucke, was ist, wenn dies wirklich wahr ist?
"Es ist wahr," wieder spricht er den Satz in seiner Schlichtheit aus.
"Wenn jeder sich selbst wirklich der Nächste ist, wird er sich erkennen, als das was er ist, und kann nicht umhin, nur diese Authentizität auszuleben. Er wird nicht darauf bedacht sein, andere ausnutzen zu wollen, aus Angst, nicht genug zu bekommen. Er wird einfach er selbst sein, göttlich, perfekt, mit seinen Stärken und Unzulänglichkeiten, und wird dieses Sein mit anderen teilen wollen, in vollkommener Liebe zu sich selbst zunächst, und dann zum Nächsten."
Ein letzter Blick, aus den stahlblauen Augen, ein kurzes Lächeln, und dann ist er entschwunden...